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Ehemaliger RTL-Macher will hoch hinaus
Tele Veronika: TV für die "Generation Dutschke"
(06.10.2007) Mit dem Sender Tele Veronika will Fernsehmacher Rainer Popp etwas noch nie Dagewesenes auf den Sender bringen. Im Frühjahr soll der Sender für die "rebellischen Revolutionäre" großflächig starten. Noch sind allerdings einige Frage offen. Vor allem im Programmfragen hält sich der ehemalige RTL-Chefredakteur derzeit noch äußerst bedeckt.
Rainer Popp (Bild) hat sich viel vorgenommen. Im kommenden Frühjahr will er einen Fernsehsender an den Start bringen, der "aus zwingenden Gründen notwendig" ist, wie er in seinem Lebenslauf angibt. Binnen eines Jahres will Popp mit Tele Veronika - so der Name seines ambitionierten Projekts – die gesamte deutsche Bevölkerung erreichen können. "Dieser neue Sender der neuen Art, der ohne Konkurrenz ist, schließt eine Marktlücke und befriedigt damit das Seh- und das Hörbedürfnis eines Massenpublikums", heißt es auf den Internetseiten des neuen Senders.
Beantragt hat Popp für seinen Sender bei der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) zunächst eine Lizenz für ein Spartenprogramm mit dem Schwerpunkt Unterhaltung. Die Verbreitung soll zunächst über Astra Digital erfolgen. Doch nach rund zwölf Monaten soll Tele Veronika über alle Verbreitungswege, auch das analoge Kabel, in möglichst alle Fernsehhaushalte kommen. Rainer Popp weiß, dass er sich ein hohes Ziel gesetzt hat, hofft aber, andere Programme, „die sich in den Netzen tummeln“, bei Seite schieben zu können.
Popp hat früher schon Fernsehen gemacht. Er hat in den achtziger Jahren für RTL gearbeitet und versieht seine Position als Programmdirektor von Radio Luxemburg in seiner Vita mit dem Zusatz „Nachfolger von Helmut Thoma“. Er war darüber hinaus Chefredakteur von RTL bei Hörfunk und Fernsehen. Dort war er unter anderem für die Etablierung des Frühstücksfernsehen und für die Nachrichtensendung "Sieben vor sieben" verantwortlich. Auch die „Nachtshow mit Thomas Koschwitz“ hat er als ausführender Produzent mit zu verantworten.
So weiß er auch, wie Medien funktionieren und wie man sich verkaufen muss. Dennoch, oder gerade deshalb wirken die Ankündigungen für Tele Veronika zu Weilen ein wenig überdosiert für einen kleinen Neustart. "Tele Veronika nimmt Erfolgstrainer Alexander Christiani exklusiv als Moderator unter Vertrag" lautet eine der großflächig distribuierten Pressemitteilungen. "Tele Veronika erteilt Auftrag zur innenarchitektonischen Gestaltung des Sendestudios" eine andere.
Fernsehen für "rebellische Revolutionäre"
Als Zielgruppe hat Popp für Tele Veronika die "Generation Dutschke" auserkoren. Die Menschen im Lande, die heute zwischen fünfzig und siebzig Jahre alt sind und die Zeiten der Studentenunruhen in den sechziger und siebziger Jahren maßgeblich mitgeprägt haben. Als Referenzgruppe zählt Popp die Namen Joschka Fischer, Udo Lindenberg, Alice Schwarzer und Marius Müller-Westernhagen auf. Diese Zielgruppe nennt der Fernsehmacher "rebellische Revolutionäre", "Leute, die das Land führen, die das Geld haben".
So ist auch der Name des Senders, der im Rahmen eines Sponsorings bereits auf dem Fahrzeug des DTM-Rennfahrers Markus Winkelhock prangt, eine Referenz an die wilden Zeiten. Bewusst habe man Tele Veronika ausgewählt, da sich viele der rebellischen Revoulutionäre noch an die als Piratensender eingestufte Radiostation Radio Veronica, die in den siebziger Jahren reüssierte, erinnern könnten, erklärt Popp.
Kein Seniorensender!
Ein Sender für die Generation 50+ der anderen Art also. Das Vorhaben Bono TV des Fernsehmoderators Max Schautzer, der eine ähnliche Altersgruppe im Blick hat, interessiert ihn dabei wenig. "Der Begriff Seniorenfernsehen ist völlig fehl am Platz", sagt Rainer Popp. Für ihn beginnt das Senioren-Dasein erst ab einem Alter von 80 Jahren. Diese Zuschauer würde man ohnehin schnell gewinnen können, indem man 24 Stunden am Tag "Die Feuerzangenbowle" - den Spielfilmklassiker mit Heinz Rühmann - sende. Ohne die von ihm anvisierte Zielgruppe "wäre Deutschland nicht das Land, das es heute ist", sagt er und ist der Auffassung, die heutigen Väter seien rebellischer als die Söhne.
Logo: Tele VeronikaUnternehmerisch steckt hinter dem Sender, der sein Lager in Hannover aufschlagen will und bis zu 120 Arbeitsplätze in Aussicht stellt, die Schweizer Prime Beteiligungen AG. Das Unternehmen ist börsennotiert und befindet sich im mehrheitlichen Besitz von Rainer Popp. Mehrere Millionen Stück der verbleibenden 49 Prozent der Aktien habe man bereits absetzen können erklärt der Macher gegenüber DWDL.de. Mit einem Investitionsvolumen von "um die 70 Millionen Euro" will man das erste Sendejahr bestreiten. Das Geld soll von Privat-Investoren und Großbanken kommen. Das Land Niedersachsen hat eine Bürgschaft über 20 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Ob die tatsächlich kommt ist allerdings laut Popp noch nicht endgültig entschieden.
Finanzieren soll sich Tele Veronika aus klassischen Werbeerlösen. Einen 45-Minuten-Trailer für die Suche nach Werbekunden will Popp mit seinem Team bis zum Jahresende fertig gestellt haben.
Inhalte scheinen eher unklar
Fragt man Rainer Popp nach der konkreten inhaltlichen Ausgestaltung seines Senders, dann wird es nicht weniger großspurig, aber um so schwammiger. "Tele Veronika wird viele Sendeformate anbieten, die es bislang im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben hat. Und einzigartig ist auch der hohe Anteil der direkt ausgestrahlten Sendungen", sagte er im Interview mit dem Aktien-Newlsetter "Deutscher Investment Report".
Auch auf Nachfrage des Medienamagazins DWDL.de will Popp nicht spezifischer werden - aus Sorge vor den Nachahmern unter den Mitbewerbern. "Wenn wir nicht etwas anders machen als die anderen, gibt es keinen Grund uns einzuschalten", hält er sich vage.
Einen konkreten Programmpunkt kann Popp jedoch bereits jetzt benennen. In der Zeit von 6 bis 10 Uhr am Vormittag soll es bei Tele Veronika Frühstücksfernsehen zu sehen geben, das sich im Prinzip an die gängigen Formate anlehnt. Allerdings "mit ein paar Besonderheiten, über die ich noch nicht reden möchte", wie Popp im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de sagt. Der Titel der Sendung wird "Guten Morgen Deutschland" lauten. Eine Sendung gleichen Namens gab es bereits in den achtziger Jahren sowohl im Hörfunkprogramm von RTL als auch im Fernsehen. Damals, vor mehr als zwanzig Jahren war Popp dafür verantwortlich.
Ab dem ersten Sendetag soll Tele Veronika mit einem Live-Programm von 18 Stunden täglich auf den Sender gehen. Dieses Vorhaben nur ambioniert zu nennen wäre wohl stark untertrieben. Kaum ein Senderneustart ohne einen großen Medienkonzern im Nacken hat sich in seinen ersten Tagen an mehr als sechs Stunden frisches Programm am Tag getraut. Selbst der Anrufsender 9Live, der vom direkten Draht zu seinen Zuschauern lebt, bringt es derzeit lediglich auf vierzehn Stunden Livebetrieb pro Tag. Vielleicht ist dies der Optimismus, der auch in Niedersachsen hinter vorgehaltener Hand Skepsis an Popps Modell aufkommen lässt.
Fiktionale Programme soll es bei Tele Veronika nicht geben. Dafür Information und Unterhaltung. Auch Showformate seien angedacht. Auf allzu prominente Gesichter wird Tele Veronika jedoch verzichten. „Wer bei Tele Veronika zu sehen sein wird, muss seine Prominenz nicht zwangsläufig aus dem Fernsehen beziehen“, erklärt Popp. Der bereits als Moderator verpflichtete Motivationstrainer Alexander Christiani stehe bei dieser "völlig neuen Sendeform" als Synonym für viele andere. Christiani bezieht seine Prominenz aus der Durchführung von Marketing-Seminaren wie „Von 0 auf 100 Kunden in 30 Tagen“ und „Vom Verkäufer zum Consultative Seller“. Zeichnet sich da vielleicht das eigentliche Konzept des Senders ab? Ein Motivations-Trainer für die Rebellen, um an alte Ideale in Richtung Umsturz anzuknüpfen?
Wohl kaum. Chrstiani soll lediglich wöchentlich eine Sendung moderieren, in der man "das Publikum von Tele Veronika kostenlos in die von Alexander Christiani entwickelten Strategien des Erfolges und der Selbstverwirklichung" einweihen will. Mehr ist nich zu erfahren. "Beide Seiten vereinbarten, über die Inhalte der Sendung zunächst Stillschweigen zu bewahren", heißt es in der entsprechenden Pressemitteilung.
Darüber hinaus bekennt sich Tele Veronika zum Grundgesetz und zur "sozial verantworteten Marktwirtschaft", wie man salbungsvoll im Internetauftritt verkündet. Auch den europäischen Integrationsgedanken will man nicht torpedieren und lehnt Gewalt ab – mit Ausnahmen des Monopols „einer rechtsstaatlich regierten Demokratie“. Da scheint es lediglich ein kleiner sprachlicher Lapsus zu sein, wenn Popp davon spricht, die ersten Mitarbeiter stünden schon „Gewehr bei Fuß“.
Zwangsläufige Pioniertat
Ein knappes halbes Jahr bevor es losgehen solll, arbeitet Tele Veronika derzeit noch mit einer kleinen Rumpfmannschaft. Ehemalige Mitarbeiter von RTL und Sat.1 seien mit an Bord. Namen will Popp jedoch noch keine nennen. Für die übrigen rund 110 geplanten Stellen gebe es bereits zahlreiche Bewerbungen.
Fragt man Rainer Popp, worin sein Antrieb liegt, ein derart ambitioniertes Vorhaben in Angriff zu nehmen, so bezeichnet er den Sender als "eine weitere Pioniertat, die ich einfach tun muss". Dazu gehört auch, eine Bastion der gepflegten deutschen Sprache zu werden. "Wir werden bei Tele Veronika aufhören mit diesem Jauche-Deutsch", kündigt er an. Es gibt laut Popp im deutschen Fernsehen "nicht eine Sendung, die nicht von Fehlern wimmelt" - die Nachrichten-Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen eingeschlossen. "Wir werden das mit aller Macht durchsetzen", sagt er.
Königliche Würde
Schaut man sich den Internetauftritt des Senders an, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei Tele Veronika um eine charmante Idee handelt – doch das Schweigen zu konkreten Inhalten und die wortstarken Ankündigungen lassen Raum für Skepsis. Popp ist kein Neuling in der Branche, doch die anarchischen Zeiten der Gründertage, die er mit RTL erlebte, das sich zum europäischen Medienkonzern mauserte, sind wohl vorbei. Immerhin scheint die nötige Ausgeglichenheit für seinen Job mitzubringen. Welcher Senderchef außer ihm veröffentlich schon Lyrikbände?
Voraussichtlich Ende November will die NLM über den Lizenzantrag entscheiden – sofern bis dahin alle eingeforderten Unterlagen vorliegen. Nach DWDL.de-Informationen soll das Programmkonzept noch nicht hinreichend erläutert worden sein. Popp selbst sagt, es gehe noch um Details der Finanzierung. Man darf gespannt sein, ob Tele Veronika sich als revoulutionäre Zelle rund ein Vierteljahrhundert nach den ersten Privatsendern in Deutschland behaupten kann und ob Popp noch einmal frischen Wind in die Landschaft bringen wird. Der Innenarchitektin für das neue Sendestudio hat er jedenfalls schon einmal aufgetragen, der Ort des Geschehens solle „die Würde und die Aura eines Krönungssaals“ besitzen, gibt er per Pressemitteilung bekannt. |
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